Zähne – so schön wie vom Bildhauer

bunte„Zähne – so schön wie vom Bildhauer.
Perfektes Lachen – der erste Eindruck entscheidet. Nicht nur Hollywood-Stars lassen sich ein makelloses Gebiss stylen…“

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Bunte, Ausgabe 6/2001

 

 

Zähne – so schön wie vom Bildhauer

Perfektes Lachen – der erste Eindruck entscheidet. Nicht nur Hollywood-Stars lassen sich ein makelloses Gebiss stylen. Immer mehr Deutsche gehen dafür zum Kieferorthopäden. Alles ist möglich…

Hollywood lächelt perfekt – mit ebenmäßigen Zähnen, so weiß wie Schnee. Wenn Sängerin Céline Dion, 32 („My Heart Will Go On“), oder FimstarTom Cruise, 38 („Eyes Wide Shut“), ihr Sieger-Smile aufsetzen, strahlt das Gebiss wie eine makellose Perlenkette. Alles Natur oder was? Ältere Fotos der Superstars beweisen: Der Himmel hat Céline Dion und Tom Cruise zwar Talent und Erfolg geschenkt – aber leider kein makelloses Gebiss. Da musste der Arzt schon kräftig nachhelfen. Kein Einzelfall im kalifornischen Land des Lächelns, denn eine Hollywood-Faustregel sagt: Ohne strahlendes Gebiss keine glanzvolle Karriere. Das weiß man auch in Deutschland: Etwa die Hälfte aller Jugendlichen werden kieferorthopädisch behandelt. Der Trend zum Gebiss ohne Makel erfasst auch Ältere: Immerhin jeder 20. Deutsche mit Zahnspange ist erwachsen. Doch die moderne Kieferorthopädie will mehr als verschönern – sie will den ganzen Menschen gesund erhalten und Schmerzen beseitigen. BUNTE sprach mit Dr. Werner Schupp, Kieferorthopäde aus Köln:

Ein strahlend schönes Lächeln wie Julia Roberts oder Cindy Crawford – davon träumen viele. Können Sie diesen Traum erfüllen?

Ja, die Möglichkeiten und Erfolge der modernen Kieferorthopädie sind schon fantastisch. Wir können tatsächlich das Gebiss modellieren. Wir können jeden Zahn exakt dahin schieben, wo wir ihn haben wollen – nach rechts, links, vorn, hinten, sogar nach unten zurück in den Knochen.

Sie sind also Bildhauer?

Ich bin Kieferorthopäde und deshalb zunächst mal darauf spezialisiert, Fehlstellungen von Zähnen und Kiefer zu korrigieren. Das wirkt sich aber natürlich auf die Ästhetik des ganzen Gesichts aus.

Was sehen Sie denn beim Blick in den Mund, bevor Sie künstlerisch eingreifen?

Bei manchen Patienten sind die Zähne einfach krumm und schief gewachsen. Oft steht auch der Oberkiefer so weit vor, dass er die Lippe nach vorn schiebt. Das ist die so genannte Kaninchenoptik. Ebenfalls häufig: eine Lücke zwischen den Frontzähnen oben, man nennt das Diastema.

Diesen Menschen sagen Sie: Ich kann Sie schöner machen?

Ich sage ihnen vor allem: Ohne kieferorthopädischen Eingriff besteht die Gefahr, dass sich die Fehlstellung der Zähne immer mehr verschlechtert. Das Diastema in der Mitte der oberen Zahnreihe wird beispielsweise immer größer, fällt ästhetisch von Jahr zu Jahr mehr ins Gewicht. Krumm zueinander stehende Zähne werden immer krummer, überlagern sich schließlich

Ich dachte, die Zähne sitzen beim Erwachsenen felsenfest im Kieferknochen. Stimmt das gar nicht?

Nein, absolut nicht. Einmal falsch stehende Zähne wandern. Und je älter die Betroffenen werden, desto größer wird die Geschwindigkeit, mit der die Zähne im Mund umherirren. Jenseits der 40, wenn die Betroffenen auch noch Paradontose haben, wird es dramatisch. Dann sitzen die Zähne lockerer im Zahnbett und die Wanderung falsch stehender Zähne läuft im Zeitraffertempo ab.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Bei einem vorstehenden Oberkiefer schieben sich die Unterkieferzähne immer stärker gegen die oberen Zähne. Die Zähne im Oberkiefer wandern nach vorn und mit ihnen die Oberlippe. Und dieser Prozess schaukelt sich immer weiter auf, bis schließlich die Oberlippe weit nach vorne gestülpt ist.

Zum Glück kann man das gut behandeln?

Ja, kieferorthopädisch kein großer Problemfall. Wichtig ist allerdings, so früh wie möglich einzugreifen, dann sind die Erfolgchancen am größten.

Sie können also dem Gebiss so ziemlich jede beliebige Form geben. Woher weiß ich, dass mir das spätere Ergebnis gefällt?

Das kann man vorher ganz präzise simulieren und dem Patienten auf einem Monitor oder an Modellen zeigen. Wir spielen schließlich nicht Roulette.

Simulieren – wie?

Bei fast allen Patienten fertigen wir zuerst Gipsmodelle an. Ein Modellpaar wird zerschnitten, Zahn für Zahn wird herausgetrennt und später neu zusammengefügt. Damit können wir die vorgesehene Behandlung im Labor an den Modellen testen, das nennen wir Set-up. Dann machen wir verschiedene Röntgenbilder von vorn und von der Seite. Diese Bilddaten speisen wir in den Computer ein und können die Zähne in alle gewünschten Richtungen dreidimensional drehen. Damit können wir auch darstellen, wie sich das Gesicht verändert.

Wieso verändert sich das Gesicht, wenn die Zähne gerade gerückt werden?

Wenn man beispielsweise die Frontzähne kieferorthopädisch zurückversetzt, verändert sich das Verhältnis von Oberlippe zu Unterlippe und damit das Profil. Am Computer können wir nicht nur die neue Kiefer- und Lippenstellung darstellen. Man kann auch das neue Profil so lange stylen, bis es perfekt ist.

Aber was ist perfekt?

Es gibt eine ziemlich klare emotionale Übereinkunft bei den meisten Menschen, wann ein Gebiss, ein Profil, ein Gesicht als harmonisch oder disharmonisch empfunden wird. Daraus haben die Kieferorthopäden klare Richtlinien abgeleitet, eine Klassifikation des Lächelns.

Wie sieht der Mund der Kategorie 1a aus?

Erstes Kriterium: Sie sollten dann, wenn jemand spricht, ohne zu lächeln, etwas von den Oberkieferzähnen sehen, aber die Zähne im Unterkiefer nicht. Das lässt sich gut beurteilen, wenn man „Emma“ sagt.

Und beim Lachen?

Beim Lachen soll die Oberlippe die komplette Zahnreihe freigeben und die Zähne oben strahlend schön zeigen. Allerdings nur die Zähne – wenn gleichzeitig Zahnfleisch ins Blickfeld quillt, nennt man das „Gummy Smile“ und es sieht nicht besonders ästhetisch aus.

Und wie basteln Sie den oralen Modellook?

Bei erwachsenen Patienten verspricht nur eine fest sitzende Zahnklammer Erfolg. Diese Brackets (feste Zahnspange) werden auf die Zähne geklebt und erlauben uns, auch beim Erwachsenen noch jeden Zahn in jede beliebige Richtung zu bewegen.

Aber welche Managerin oder welcher Banker lässt sich Brackets auf die Zähne kleben, mit denen man aussieht wie ein pubertierender Boygroup-Fan?

Sie haben völlig Recht: niemand. Die herkömmlichen Brackets brauchen Sie ästhetisch empfindenden Erwachsenen im Berufsleben gar nicht anzubieten, die würden schreiend weglaufen. Aber es gibt zwei geniale Lösungen. Die erste: Man klebt die Brackets nicht mehr vorn auf die Zähne, sondern hinten. Man kann Zahnfehlstellungen genauso wirksam behandeln, aber man entstellt den Patienten nicht. Die zweite Möglichkeit: Wir kleben Keramikbrackets auf die Zähne, die die Farbe der Zähne imitieren. Man sieht sie kaum.

Kann man mit so einem Gerät im Mund überhaupt noch kauen?

Relativ problemlos. Innerhalb kürzester Zeit gewöhnt man sich daran, das sagen fast alle Betroffenen.

Stören die Dinger nicht beim Küssen?

Nein, etwas vorsichtig kann man ja anfangs schon sein, aber nach unseren Erfahrungsberichten ist mit Brackets ein ganz normales Leben möglich. Das Einzige, was man bei innen angeklebten Brackets trainieren muss, ist die Artikulation: Manchmal kommt es zu vorübergehenden Sprachproblemen, aber auch das lernen 99 Prozent der Patienten rasch.

Und wie steht’s mit dem Zähneputzen?

Klappt tadellos, mit Spezialbürsten können Sie die Zähne und die Klammer einwandfrei pflegen. Und die Gefahr, unter der Klammer könnten die Zähne wegfaulen, besteht auch nicht. Die Zähne werden immer zuerst versiegelt, bevor Brackets auf die Zähne geklebt werden.

Irgendwann stehen die Zähne dann perfekt in Reih und Glied. Nur Pech, wenn die Paradebeißer selbst missgestaltet sind.

Dann helfen uns ästhetisch arbeitende Zahnärzte. Wenn Zähne sehr stark verfärbt sind, kann man sie mit Veneers überkleben. Das sind hauchdünne Keramikschalen. Auch wenn Ecken abgeschlagen sind, die Zähne wirkliche Defekte haben oder einfach in der Form nicht passen, kann man das Gebiss mit Veneers modellieren.

Was tun Sie, wenn bei einem perfekten Gebiss ein einzelner Zahn stört?

Den kann man beschleifen und, falls notwendig, kieferorthopädisch korrekt nachkonturieren. Übrigens kann man auch überschüssiges Zahnfleisch, das nicht zum Gebiss passt, nachformen. Aber in erster Linie stylen wir die Zahnform.

Und wenn die perfekt geformten Zähne leider in der Farbe eines Zitronenfalters schimmern?

Das Zauberwort heißt Bleaching: Mit speziellen Bleichmitteln kann man die Zähne strahlend weiß oder perlmutt schimmernd polieren. Das sollte ein Zahnarzt machen, die Bleichmittel aus dem Drogeriemarkt wirken nicht ausreichend.

Das Lächeln hat endlich Hollywood-Qualität erreicht. Ist Ihr Job jetzt erledigt?

Nein, längst nicht. Denn heute zielt die Kieferorthopädie nicht nur darauf, das Gebiss so schön wie möglich strahlen zu lassen. Die gesamtheitliche Korrektur eines falsch stehenden Kiefergelenks ist zugleich eine Art vorbeugende Schmerztherapie. Denn ein schief gelagertes Kiefergelenk kann zu dramatischen Konsequenzen führen: zu Migräne und Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Rückenschmerzen. Sogar zu Ohrgeräuschen, hormonellen Problemen und Schwindel.

Übertreiben Sie nicht etwas?

Nein. Das Kiefergelenk ist sozusagen ein Dreh- und Angelpunkt im Körper. Über dieses Drehkreuz werden nicht nur Bewegungen, sondern auch Informationen über Nerven durch den ganzen Körper gepusht. Damit dieser Informationsfluss ungestört verläuft, müssen sich alle Teile des Bewegungsapparats störungsfrei und rhythmisch gegeneinander bewegen können – sogar der Schädel.

Der Schädel? Ich denke, das ist massiver Knochen, der beim Erwachsenen fest zusammengewachsen ist?

Das dachte man bis vor einiger Zeit, aber es stimmt nicht. Unser Schädel ist aus vielen Knochen aufgebaut. Und diese Schädelteile verknöchern auch beim Erwachsenen nicht starr, sondern bewegen sich gegeneinander. Experten nennen das craniosakralen Rhythmus. Wenn er lahm gelegt wird, funktioniert der ganze Organismus nicht mehr. Manche Indianerstämme haben dies sogar genutzt, um ihre Gefangenen zu foltern. Sie banden ihnen ein nasses Ledergand fest um die Stirn. Wenn das Leder trocknete, zog es sich betonfest zusammen und lähmte damit den craniosakralen Rhythmus. Die Gefangenen wurden so extrem geschwächt, dass sie starben.

So weit lassen Sie es bei Ihren Patienten zum Glück nicht kommen.

Nein, aber wir nutzen die Erkenntnisse über den craniosakralen Rhythmus: Es ist für den ganzen Körper lebenswichtig, dass er intakt ist. Und ein Dreh-und Angelpunkt, der die feinsten Bewegungen des knöchernen Schädels auf die Halswirbelsäule, auf den Rücken bis hin zum Becken überträgt, das ist das Kiefergelenk. Auch wenn kein Lederband um den Schädel gebunden ist, kann daher eine Fehlstellung der Kiefergelenke schwere Beschwerden und Schmerzen auslösen. Denn eine Fehlhaltung der Kiefergelenke führt zu einer Kettenreaktion: Die informationsübermittelnden Nerven feuern veränderte Signale, die Muskeln leiten Spannungen über so genannte reaktive Muskelketten bis ins Becken.

Dass ein verspannter Kiefer Rückenschmerzen auslöst, kann ich mir ja noch vorstellen. Aber Hormonstörungen…?

Doch, dazu gibt es hieb- und stichfeste wissenschaftliche Studien. Wahscheinlich läuft das über den Trigeminus-Nerv: Der versorgt das Kiefergelenk, ist aber zugleich mit anderen Nerven vernetzt. Wenn das Kiefergelenk in einer falschen Position sitzt, feuert der Trigeminus-Nerv Signale und bringt damit die nervlich gesteuerte Hormonausschüttung durcheinander. Aus demselben Grund kann nächtliches Zähneknirschen zu einer ganzen Reihe von Beschwerden führen: Migräne, Kopfschmerz, Ohrgeräusche.

Eigentlich unglaublich.

Ja, aber es ist so. Sie müssen sich vorstellen: Wenn Sie nachts Ihren Stress und Frust zähneknirschend abreagieren, pressen Sie das Kiefergelenk mit mehr als zwei Zentnern Kraft aufeinander – oft stundenlang. Das nutzt nicht nur die Zähne brutal ab. Das reizt auch die Nerven zu dauernden Fehlzündungen, allen voran den Trigeminus-Nerv.

Was tun Sie dagegen?

Wir modellieren eine Aufbissschiene aus Hightech-Kunststoff, die das Kiefergelenk geraderückt. Sie wird über die unteren Zähne gestreift, ist von außen unsichtbar und stört nicht beim Sprechen.

Aber ist es nicht Jacke wie Hose, ob ich mit zwei Zentnern Kieferkraft auf meine eigenen Zähne oder auf Kunststoff beiße?

Nein, gar nicht. Es gteht ja nicht nur um den Druck, sondern darum, dass diese enorme Kraft nicht in die falsche Richtung wirkt. Die Aufbissschiene korrigiert die Fehlstellung von Unterkiefer zu Oberkiefer. Folge: Die Muskelverspannungen lösen sich, die Nervenfehlzündungen verschwinden. Durch den Kiefer bedingte Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Migräne sind wie weggeblasen. Tolle Erfolge haben wir damit bei kindlichen Kopfschmerz und Migräne, die bekommen wir erfahrungsgemäß in 95 Prozent der Fälle weg. Bei Erwachsenen ist es schwieriger, aber auch bei ihnen zeigt sich oft: Wenn der Kiefer korrekt steht, verschwinden Migräne, Schwindel, Rückenprobleme. Sie fühlen sich wie neugeboren.
Interview: Frank R. Schwebke