Metallspange, nein danke!

focusImmer mehr Erwachsene lassen sich Zahnlücken oder schiefe Beißer mit modernsten, unsichtbaren Klammern richten.

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Focus vom 04.10.2004

 

 
Metallspange, nein danke!
Immer mehr Erwachsene lassen sich Zahnlücken oder schiefe Beißer mit modernsten, unsichtbaren Klammern richten.

„Hoffentlich merkt niemand etwas“, bangt Anwalt Herbert Hampel, 45, auf dem Weg zu einem Treffen mit seinen Eltern. Neben ihm sitzt seine Partnerin, der einzige Mensch, den er in sein Projekt „ Schöne Zähne“ eingeweiht hat. Der Draht über der oberen Zahnreihe fühlt sich noch fremd an, doch ein prüfender Blick in den Rückspiegel seines Golfes versichert dem Spezialisten für Vertragsrecht:
Die neue Zahnspange in seinem Mund ist beinahe unsichtbar.
Seine Eltern bemerken in der Tat nichts. Das unterschwellige Zischen beim Sprechen von S-Lauten entgeht ihren Ohren. Hampel ist zufrieden. Die Investition von rund 6000 Euro in die optisch anspruchsvollen Keramik-Brackets mit hellem Draht, einer festen Spange, die auf die Zähne aufgeklebt wird, hat sich nach eigener Einschätzung gelohnt.

Weil Zahnspangen ihr Negativ-Image als Erotikkiller kaum abstreifen werden, arbeitet die Industrie daran, sie immer unauffälliger zu machen. Noch weniger ins Auge als Hampels Keramik-Brackets fallen beispielsweise die hauchdünnen, komplett transparenten Schienen von Align Technology in den USA, die der Kölner Mediatorin Ursula Schupp, 35 Jahre, zu zwei makellosen Zahnreihen verholfen haben. Das System Invisalign – von Englisch: „invisible“ (unsichtbar) und „align“ (in eine Linie bringen) – gilt als letzter Schrei der Kieferorthopädie. Schupps Ehemann, der niedergelassene Mediziner Werner Schupp aus Köln, hat mit Hilfe dieser Technik innerhalb von eineinhalb Jahren die oberen Schneidezahne seiner Gattin zwei Millimeter in den Kiefer zurück geschoben. Im Unterkiefer stand ein Eckzahn quer, jetzt ist das Gebiss 100 Prozent korrigiert, also ordentlich. Wir streben aber 105 Prozent an, denn mit dieser minimalen Überkorrektur ist es perfekt, schwärmt der Arzt.

Die Zunft der Kieferorthopäden
 verfügt inzwischen über eine ganze Palette an ausgeklügelten Systemen, um größere Zahnlücken zu schließen und Zähne zu verschieben, bis strahlend weiße Kauleisten ebenmäßig aus dem Mund blitzen:
• Optisch auffällige Metallspangen auf den Zähnen wurden von transparenten Keramikmaterialien abgelöst.
• Das Bracket-System SureSmile von der US-Firma OraMetrix lässt die Drähte für seine Kunden durch einen Roboter biegen, der mit digitalen Daten der Klientel gefüttert wird. Der Kieferorthopäde setzt nur noch die aus Dallas geschickten Metallfäden ein.
• Als eine der spannendsten Innovationen, über die Mediziner Ende September auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie in Freiburg diskutierten, gelten Mini-Implantate, die zwischen die Zahnwurzeln in den Knochen gedreht werden.
„Sie dienen als festsitzender Anker im Mund“, erklärt Kieferorthopäde Schupp.

Verwandelten früher hässliche Metallklammern
 fast ausnahmslos Münder pubertierender Teenager in eine kussfreie Zone, entschließen sich heute Tausende Erwachsene zur Zahnbegradigung. Etwa jeder sechste Kunde in deutschen Praxen ist über 40 Jahre alt. „Die meisten Menschen kommen aus rein ästhetischen Gründen“, weiß der niedergelassene Kieferorthopäde Michael Buchheim aus dem bayerischen Feldafing. „Wer Geld für teure Keramik-Inlays ausgibt oder Anti-Aging-Medizin, will heute auch gerade Zähne. „Ein Viertel aller Patienten kommt wegen Problemen im Kiefergelenk. Nur wenige befürchten, vorzeitig verdrehte Zähne zu verlieren, zum Beispiel auf Grund von Parodontose. „Ab dem 40. Lebensjahr baut sich die Knochenmasse am Zahnhalteapparat ab“, stellt Buchheim fest. Manchmal muss er Zähne gerade rücken, um ihnen dauerhaft Halt zu geben. Nur wenige Erwachsene wählen allerdings die Methoden, die bei Kindern üblich sind: Herausnehmbare Platten oder der noch aus Kindertagen bekannte und gefürchtete Head-Gear, ein Drahtungetüm, das um den Kopf gespannt wird, gelten als wenig kompatibel mit dem Arbeitsalltag. Wer möchte schon mit einem Bügel im Gesicht die Teambesprechung eröffnen?

Seit selbst Faye Dunaway oder Tom Cruise vor einigen Jahren mit festen Brackets zu offiziellen Terminen erschienen, entschließen sich immer mehr für diese Variante der Zahnkorrektur. Brackets sind Plättchen, die einzeln auf jeden Zahn mit einem Kunststoff aufgeklebt werden. Durch diese Verankerungen fädelt der Arzt einen Draht, an dem die Zähne nach Wunsch in die gewünschte Position wandern. Ob die feste Spange aus Metall, Keramik oder Kunststoff bestehen soll, ob sie vorn oder von hinten auf die Zähne montiert wird, entscheiden Arzt, Patient und nicht zuletzt der Geldbeutel des Letzteren. Vor- und Nachteile halten sich in etwa die Waage – die haltbarsten Brackets aus Metall gelten als die hässlichsten, für Designermodelle berappt man einen Luxusaufschlag. Die Gesamtkosten für eine Korrektur liegen je nach System bei 4000 bis 10000 Euro, Kurzbehandlungen sind dementsprechend billiger. Privat Versicherte bekommen je nach Vertrag in der Regel einen Teil der Kosten erstattet. Kassenpatienten über 18 Jahre zahlen immer selbst – mit einer Ausnahme: wenn auf Grund einer massiven Fehlstellung vor der Korrektur eine Kieferoperation notwendig ist. Von hinter den Zähnen angebrachten Gestellen raten Experten ab: „Das gibt oft Irritationen der Zunge, und verständlich sprechen können die Patienten meist wochenlang nicht mehr“, sagt Heiko Goldbecher, Vorstandsmitglied des Bundesverbands für Kieferorthopädie Halle. Die drei bis vier Millimeter großen Höckerchen stören als Fremdkörper. Als optisch eleganteste Lösung stuft Rainer-Reginald Miethke, Leiter der Abteilung für Kieferorthopädie und Orthodontic an der Berliner Charite, das System Invisalign ein. „90 Prozent der Anwender sind mit den unsichtbaren Schienen zufrieden.“ Seit 2001 ist es in Deutschland zugelassen, seit Anfang dieses Jahres empfiehlt es auch die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie für bestimmte Indikationen. Weltweit haben nach Angaben der Firma etwa 150000 die Methode ausprobiert, das im Silicon Valley erfundene Konzept hat den Vorteil, dass jeder die Leisten zum Essen, beim Zähneputzen oder bei wichtigen Meetings herausnehmen kann – ganz zu schweigen von anderen Situationen…

Virtuelle Videoplanung.
 „Für die Therapie schicke ich digitale Bilder vom Gesicht, intraorale Fotos, Röntgenbilder und meinen individuellen Plan per E-Mail an Align Technology nach Kalifolien“, erklärt Miethke das Prozedere. Parallel geht innerhalb von 24 Stunden ein Kieferabdruck per Kurierdienst an die Firma.
Ein Computer simuliert dort die Zahnverschiebung und erstellt ein Video der Prozedur.
Via Internet schickt die Firma den Film an den behandelnden Arzt. „Ich kann mir das Video in der Klinik ansehen und Änderungen zurückschicken“, erläutert Miethke. Steht der Plan fest, formt eine Maschine den kompletten Satz unsichtbarer schienen und liefert sie an die Ärzte. Alle zwei Wochen wechselt der Patient die Kunststoffkorrektoren, die ihn Schritt für Schritt dem perfekten Lächeln näher bringen sollen.
Kieferorthopäde Buchheim berichtet von zwei Invisalign-Patienten, bie denen er nach einigen Monaten eine Kurskorrektur in der Behandlung vornehmen musste. “ Die Zähne haben sich einfach nicht so bewegt, wie es der Computer vorhergesagt hatte. „Laut Aussagen des Geschäftsführers der duetschen Niederlassung von Align Technology, Ralf Barschow, kommen Kurskorrekturen nur selten vor. “ Patienten mit extrem schiefen Zähnen empfehle ich die Methode nicht“, schränkt auch Lehrstuhlinhaber miethke ein. Größere Drehungen von runden Zähnen seien mit dem Kunststoff nicht zu realisieren. Zudem könne man keine Zähne länger machen oder parallet verschieben. Für geringe Fehlstellungen findet er Invisalign besser geeignet als feste Brackets, denn „man muss nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen“.
Mini-Implantate oder Schrauben, an denen herkömmliche feste Spangen befestigt werden, hält Kieferorthopäde Miethke ebenfalls für eine zukunftsträchtige Methode. “ Zähne haben die natürliche Tendenz, nach vorn zu kommen. Sie sollten aber nach hinten“, sekundiert Brigitte Blum, niedergelassene Kieferorthopädin aus Augsburg und Erste Vorsitzende der Initiative Kiefergesundheit. Deswegen müssen Brackets im Mund optimal befestigt werden. Als „bombensichere“ Anker gelten die seit etwa drei Jahren gebräuchlichen Implantate, die von einem Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen in den Kiefer gesetzt werden. Sie verwachsen mit dem Knochen und können dann die Brackets halten. Die Minipfeiler müssen allerdings am Ende der Behandlung regelrecht herausgefräst werden. „Solche Implantate haben dennoch erhebliche Vorteile“, urteilt Blum.
Kleine Schrauben, die zwischen die Zahnwurzeln in den Knochen hineingedreht werden, verwachsen nicht mit ihm, sind aber nicht so fest und bereiten weniger Probleme beim Herausnehmen. „Eine Schraube, die man in die Wand dreht, kann auch wieder rausfallen“, gibt der Berliner Arzt Miethke zu bedenken. „Die Kräfte, die im Kiefer wirken, sind gewaltig“, weiß Blum. Immer mehr Patienten mit Kiefergelenkproblemen kommen zu ihr in die Praxis. Bei einem Viertel von ihnen „knirscht und schmerzt es“, berichtet die Augsburger Ärztin. Ihrer Meinung nach verstärkt Stress den Druck auf den Kiefer um ein Vielfaches. Knacken und Knirschen ist nicht neu, nur viel weiter verbreitet als früher. „So wie wilde Tiere bei Gefahr die Zähne fletschen“, so Blum, „knirschen Menschen nachts unter Anspannung ihre Zahnoberflächen durch.“

Ulrike Bartholomäus © Focus 2004